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19.06. 2017

Ausbildung

Ausbildungsmobilität in Berlin und Brandenburg zwischen 2000 und 2015

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat den Ausbildungsstellenmarkt in Ostdeutschland analysiert. Jeanette Carsten, Hoilger Seibert und Doris Wiehthölter haben sich insbeosdere die Entwicklung der letzten Jahre in Berlin und Brandenburg angesehen. Diese Region war in der Vergangenheit durch einen sehr angespannten Ausbildungs- und Arbeitsmarkt gekennzeichnet. Auf dem Ausbildungsstellenmarkt lag die Zahl der bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten Lehrstellenbewerber viele Jahre deutlich über der Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge. Zwar war ein öffentlich finanziertes Ersatzprogramm in Form der außerbetrieblichen Ausbildung vorhanden, welches marktbenachteiligten Jugendlichen den Zugang zur Ausbildung ermöglichen sollte. Allerdings stellt die außerbetriebliche Ausbildung für eine Mehrzahl der Jugendlichen nach wie vor nur die zweite Wahl dar. In der Folge war speziell für Ausbildungssuchende aus Brandenburg vielfach regionale Mobilität notwendig, um eine Lehrstelle zu finden. Das individuell beeinträchtigte und/oder sozial benachteiligte Jugendliche sich in ihrem Mobilitätsverhalten vom Mainstream deutlich unterscheiden, kommt in der IAB-Analyse jedoch nicht zum Ausdruck. Ein exploratives Forschungsprojekt der BAG KJS konnte belegen, dass Jugendliche aus Einrichtungen der Jugendsozialarbeit merkbar seltener mobil sind als der Mainstream. Ein Grund ist die Angst, es ohne bekannte und bewährte Unterstützungsangebote nicht alleine an einem anderen Ort zu schaffen. Die Ergebnisse des KJS-Projekts wurden in den
ASPEKTEN der Jugendsozialarbeit No. 76
veröffentlicht. Die IAB-Studie verweist lediglich im Fazit darauf, dass auf die Integration schulleistungsschwacher Jugendlicher ein besonderes Augenmerk zu legen sei.
Auszüge aus der IAB-Analyse zur Ausbildungsmobilität in Berlin-Brandenburg:
"(...)Die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt hat sich seit 2007 (...) deutlich entspannt, da es zu einer enormen demografischen Entlastung des ostdeutschen Lehrstellenmarktes gekommen ist. Die Ursachen dafür liegen in den Jahren 1989 bis 1991. Mit der deutschen Wiedervereinigung haben sich die Geburtenzahlen in Ostdeutschland von jährlich etwa 200.000 Geburten nahezu halbiert und in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre bei ca. 130.000 eingependelt. (...)

Waren wegen der massiv geschrumpften Geburtskohorten bis 2006 vor allem die allgemeinbildenden Schulen in Ostdeutschland von gesunkenen Schülerzahlen betroffen, hat das Phänomen seit 2007 auch das Ausbildungssystem erreicht. Mit rückläufigen Schulabgängerzahlen sinkt auch die Zahl der potenziellen Ausbildungsplatzbewerber. Durch diesen demografischen Einfluss haben sich die Ausbildungschancen der Schulabsolventen in Ostdeutschland und damit auch in der Region Berlin-Brandenburg deutlich erhöht. Unter diesen Bedingungen ist zu erwarten, dass die regionale Mobilität, die bis dahin für viele ostdeutsche Jugendliche auf Ausbildungsstellensuche unerlässlich war, erkennbar abnehmen dürfte. Dies sollte vor allem für die von Ausbildungspendlern zurückgelegten Distanzen gelten. (...)

In Bezug auf den Lehrstellenmarkt müssen Berlin und Brandenburg als eine gemeinsame Ausbildungsmarktregion betrachtet werden. Dabei bildet die Metropole Berlin das Zentrum dieser Region. Es ist umgeben von acht Brandenburger Landkreisen (...), die sternförmig um die Bundeshauptstadt verteilt liegen. (...) Daneben gibt es im Norden und Süden die peripheren Landkreise (...), die eine deutlich größere räumliche Distanz zu Berlin aufweisen. Die vier kreisfreien Städte (...) bilden jeweils eigenständige regionale Ausbildungszentren mit überregionaler Bedeutung für die Lehrstellenversorgung der Jugendlichen in der gesamten Region. (...)

Über die Stadtgrenze hinweg: Stabile Auspendlerzahlen, zuletzt aber deutlich weniger Einpendler
Mit Blick auf die mobilen Berliner Auszubildenden sowie auf diejenigen, die sowohl in der Stadt wohnen und dort ihre Ausbildung absolvieren, zeigt sich, dass auch hier die nicht pendelnden Auszubildenden dominieren. Im Gegensatz zum Nachbarland folgen in Berlin jedoch die Einpendler als zweitstärkste Gruppe, die ihrerseits überwiegend aus Brandenburg stammen. (...) Besonders gestiegen ist jedoch die Auspendlerquote – zwischen 2000 und 2015 hat sie sich fast verdoppelt und liegt 2015 bei 9,7 Prozent. (...)

Zwar sind die Einpendler, die noch immer überwiegend aus Brandenburg stammen, inzwischen zahlenmäßig zurückgegangen. Dennoch kommt Berlin nach wie vor für den Brandenburger Ausbildungsstellenbedarf eine relevante Versorgerfunktion zu. Zugleich tragen Brandenburger Betriebe aber inzwischen ebenfalls substanziell zur Lehrstellenversorgung für Berliner Jugendliche bei.

Im Jahr 2000 zog es gut die Hälfte der auspendelnden Berliner Auszubildenden nach Brandenburg. Gemessen an allen Auszubildenden mit Berliner Wohnort waren es 3,0 Prozent. Nur 0,4 Prozent der in Berlin lebenden Auszubildenden pendelten zu diesem Zeitpunkt in eines der übrigen ostdeutschen Bundesländer, 2,3 Prozent nach Westdeutschland. Im Jahr 2015 fanden sich in Brandenburg gegenüber dem Jahr 2000 deutlich mehr Auszubildende mit Berliner Wohnort (...) 6,4 Prozent aller Auszubildenden mit Berliner Wohnort pendelten zuletzt in das Nachbarland. Der Anteil der Auspendler in die übrigen ostdeutschen Länder und nach Westdeutschland bleibt dagegen fast unverändert (neue Länder: 0,7 %, alte Länder: 2,6 %). Die Ausweitung der Auspendlerquote entfällt also fast ausschließlich auf Brandenburg – und hier vornehmlich auf das Berliner Umland. (...)

Fazit
(...) Insgesamt kann gezeigt werden, dass sich erkennbare Rückgänge in Bezug auf die regionale Mobilität ausmachen lassen. Dies wurde mit dem Indikator „Pendeln der Auszubildenden“ gemessen. Dabei wird die abnehmende Mobilität ab dem Jahr 2008 deutlich – dies ist der Zeitpunkt, seitdem die geburtenschwachen Jahrgänge sukzessive in das Ausbildungssystem eingetreten sind. (...) Immer mehr Auszubildende finden eine Lehrstelle vor Ort. In der Folge zieht es im Vergleich zu früheren Jahren immer weniger Auszubildende mit Brandenburger Wohnort nach Westdeutschland. Zugleich sind Auszubildende aus Brandenburg, wenn sie ihr Bundesland verlassen, heute häufiger in Berlin und den übrigen ostdeutschen Bundesländern zu finden.

Die gestiegene Bedeutung der übrigen neuen Länder als Zielregion für Auszubildende aus Brandenburg dürfte darin begründet liegen, dass sich der gesamte ostdeutsche Lehrstellenmarkt seit einigen Jahren deutlich entspannt hat. War Fernpendeln in der Vergangenheit fürviele Jugendliche auf Ausbildungsstellensuche ein notwendiges Übel (...), finden sie heute ihre Lehrstellen verstärkt im eigenen Bundesland oder in den benachbarten Bundesländern. Aber auch Berliner Jugendliche absolvieren häufiger eine Ausbildung in Brandenburg, hier vor allem in den Umlandgemeinden um Berlin.

Insgesamt wird mit dieser Untersuchung erneut ein Zusammenhang belegt, der schon in früheren Untersuchungen (...) augenfällig war: Abnehmende Schulabgänger- und Lehrstellenbewerberzahlen gehen einher mit einer abnehmenden absoluten Mobilität der Auszubildenden. (...)

Unternehmen klagen immer wieder, dass sie offene Ausbildungsstellen aus einem Mangel an geeigneten Bewerbern nicht besetzen können. Im Moment gilt es daher, ein verstärktes Augenmerk auf die Integration von schulleistungsschwachen Jugendlichen zu legen. Ihre Übergangschancen in die Ausbildung sollten sich in der aktuellen Situation theoretisch verbessern. Ohne Zusatzanstrengungen, wie etwa ausbildungsbegleitende Unterstützung und eine Erhöhung der Ausbildungsreife bereits während der Schulzeit, werden sich ihre Probleme aber nicht lösen lassen (...)"

Die Analyse im Volltext lesen Sie über aufgeführten Link.

Quelle:
IAB

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