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27.11. 2017

Arbeitsmarktpolitik

Geflüchtete im SGB II - Hemmnisse abbauen und Potenziale nutzen

Die Geflüchteten der letzten Jahre – vor allem Syrer und Iraker – münden nun zunehmend in den Grundsicherungsbezug ein. Das IAB wertete das Panel "Arbeitsmarkt und soziale Sicherung" (PASS) aus, um Informationen zur Sozialstruktur, konkreten Arbeitsmarktchancen und Vermittlungshemmnissen von Geflüchteten zu erhalten. Für das Panel wurden 500 iranische und syrische Geflüchtete im SGB II-Bezug interviewt. Unter den Geflüchteten im SGB II-Bezug sind Angehörgige dieser beiden Nationalitäten die größte Gruppe. Die Befragungsergebnisse sind repräsentativ. Bei den Unterstützungsangeboten steht der Abbau der Sprachdefizite an erster Stelle. Die Geflüchteten bewerten die Jobcenter insgesamt deutlich positiver als die anderen Zugänge.
Auszüge aus dem IAB-Kurzbericht zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten im SGB II von Sebastian Bähr, Jonas Beste und Claudia Wenzig:
" (...) Sozialstruktur der Geflüchteten im SGB II
(...) Im Mittelpunkt steht zunächst die Frage: Wer sind die neu zugegangenen Geflüchteten im SGB II und wie unterscheiden sie sich von den anderen Neuzugängen? (...) Bezüglich der Geschlechterzusammensetzung fällt auf, dass unter den Geflüchteten mehr Männer (61 %) sind, wohingegen die sonstigen Neuzugänge ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis aufweisen (44 % Männer). Die Geflüchteten sind im Durchschnitt 30 Jahre alt (Medianalter: 28 Jahre) und damit etwas jünger als die anderen Neuzugänge (Medianalter: 30 Jahre). Der eher hohe Anteil an Männern und Jüngeren deckt sich sowohl mit Auswertungen der BA-Arbeitsmarktstatistik zu geflüchteten Menschen als auch mit Auswertungen des Ausländerzentralregisters von Asylantragstellern, die zwischen Januar 2013 und Januar 2016 eingereist sind. (...)

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt zum Zeitpunkt unserer Befragung 23 Monate für die Gruppe der Geflüchteten und 8 Jahre für die Zuwanderer innerhalb der Vergleichsgruppe. Lediglich 13 Prozent der befragten Syrer und Iraker leben seit weniger als einem Jahr in Deutschland, etwa jeder Dritte ist bereits länger als zwei Jahre im Land. Die jeweilige Aufenthaltsdauer der SGB-II Neuzugänge mit Fluchthintergrund ist vor allem von der Dauer des Asylverfahrens abhängig, da nur anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte Anspruch auf SGB–II-Leistungen erhalten. Die weiblichen Geflüchteten sind deutlich kürzer im Land als die männlichen (24 % zu 6 % unter ein Jahr in Deutschland). Dies lässt sich durch den selektiven Nachzug von Frauen nach Deutschland als Familienangehörige erklären (33 % zu 9 %). (...)

Bezüglich der schulischen Bildung sind zwei Gruppen unter den Geflüchteten im SGB II überproportional vertreten: diejenigen ohne einen Schulabschluss (24 %) und diejenigen mit (Fach-)Hochschulreife (51 %). Hauptschulabschluss (7 %) und mittlere Reife (9 %) sind in der Gruppe der Geflüchteten dagegen von geringer Bedeutung. (...) Zwischen den Geschlechtern ergeben sich innerhalb der Geflüchteten-Stichprobe keine nennenswerten Unterschiede in den schulischen Bildungsabschlüssen. (...)

Die Zweiteilung der schulischen Bildung bei den Geflüchteten im SGB II findet sich auch bei den beruflichen Abschlüssen. Einerseits hat ein hoher Anteil (64 %) von ihnen keinen beruflichen Abschluss (55 % in der Vergleichsgruppe), andererseits verfügen jedoch auch 27 Prozent über einen (Fach-)Hochschulabschluss. (...)

Nicht alle Empfänger von SGB-II-Leistungen sind erwerbslos. Ein Teil von ihnen arbeitet sozialversicherungspflichtig oder in einem Minijob und bezieht Leistungen als „Aufstocker“, um den Bedarf des täglichen Lebens zu decken. Jedoch trifft dies für SGB-II-Bezieher aus der Geflüchteten-Stichprobe eher selten zu: Knapp 10 Prozent haben aktuell eine geringfügige Beschäftigung. Voll- oder Teilzeittätigkeiten spielen keine Rolle (jeweils unter 1 %). (...)

Geflüchtete sind zum Befragungszeitpunkt nicht häufiger in Schule oder Ausbildung als Personen in der Vergleichsgruppe (21 % gegenüber 18 %), was ob ihres jüngeren Alters und des Nachholbedarfs hinsichtlich beruflicher Qualifikationen oder Sprachkenntnisse überrascht. (...)

Anders als bei den Bildungsabschlüssen zeigen sich beim Erwerbsstatus Unterschiede zwischen den geflüchteten Männern und Frauen. So werden die wenigen Vollzeit- und Teilzeit-Erwerbstätigkeiten in der Geflüchtetengruppe ausschließlich von Männern ausgeübt. Auch bei den geringfügigen Beschäftigungen sind die geflüchteten Frauen im Vergleich zu den Männern – wie auch zu den Frauen der Vergleichsgruppe – deutlich unterrepräsentiert. (...) Vor dem Hintergrund, dass sich bei den geflüchteten SGB-II-Leistungsbeziehern Frauen und Männer bezüglich ihrer schulischen oder beruflichen Qualifikationen nicht unterscheiden, zeigt sich ein bislang ungenutztes Erwerbspotenzial.

Arbeitsmarkt- und Vermittlungshemmnisse
(...) Erwartungsgemäß hat ein Großteil der Geflüchteten in der Gruppe der SBG-II-Neuzugänge sprachliche Defizite. Gut drei Viertel (77 %) aller Personen geben an, nur über unzureichende Deutschkenntnisse zu verfügen. In der Gruppe der anderen Neuzugänge ist dieses Hemmnis mit 12 Prozent deutlich schwächer vertreten. Die Geflüchteten weisen jedoch seltener gesundheitliche Einschränkungen (9 % zu 23 %) oder ein hohes Alter (6 % zu 13 %) auf. (...)
Ein fehlender Berufsabschluss stellt ebenfalls ein zentrales Hemmnis für den Einstieg in Erwerbstätigkeit dar. Dies ist für beide Gruppen gleichermaßen bedeutsam. Fast zwei Drittel der Geflüchteten und mehr als die Hälfte der anderen Neuzugänge haben keinen beruflichen Bildungsabschluss (...). Ein schulischer Abschluss fehlt den Geflüchteten dagegen signifikant häufiger: Jeder Vierte in dieser Gruppe hat die Schule ohne Abschluss beendet – gegenüber 12 Prozent bei den anderen Zugängen. (...)

Zusammenfassend zeigt sich, dass sich die Art der Arbeitsmarkthemmnisse zwischen den beiden Gruppen der SGB-II-Neuzugänge deutlich voneinander unterscheiden. Als zentrale Hemmnisse erweisen sich sprachliche Defizite sowie fehlende berufliche Bildungsabschlüsse. Von diesen beiden Hemmnissen ist ein Großteil der Geflüchteten betroffen. Diese starke Konzentration auf einzelne Arbeitsmarkthemmnisse ist in der Gruppe der anderen Zugänge nicht zu beobachten. (...)

Fazit
(...) Als zentrale Arbeitsmarkthemmnisse der Geflüchteten lassen sich klar sprachliche Defizite und fehlende berufliche Bildungsabschlüsse ausmachen. Zudem ist eine höhere Kumulation von Hemmnissen als bei den anderen Zugängen zu beobachten.
Die starke Spreizung der Schulbildung innerhalb der Gruppe der Geflüchteten (24 % ohne Schulabschluss aber 51 % mit (Fach-)Hochschulreife) ist ein wichtiges Ergebnis bei der Betrachtung der Sozialstruktur. Der große Anteil mit hoher Schulbildung und ein eher guter Gesundheitszustand in der Gruppe der Geflüchteten lassen auch auf Potenziale für eine zukünftig erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt schließen. (...) Die Gruppe der Geflüchteten stellt neue Herausforderungen an die Vermittlungspraxis im SGB II. Zum Befragungszeitpunkt im Jahr 2016 war bislang eine noch eher geringe Aktivierung durch die Jobcenter festzustellen. Bei Frauen ist der Anteil derjenigen, die noch nie beim Jobcenter waren, vergleichsweise hoch. Ziel sollte es sein, den Frauen gleichermaßen wie Männern die Möglichkeiten einer Erwerbsaufnahme aufzuzeigen, um für sich selbst und die gesamte Bedarfsgemeinschaft Wege in die finanzielle Unabhängigkeit zu eröffnen. (...)

Bemerkenswert ist, dass die SGB-II-Neuzugänge aus der Geflüchteten-Stichprobe die Beratung und Betreuung durch die Jobcenter als sehr positiv wahrnehmen. Dies zeugt von einer generellen Kooperationsbereitschaft, welche als Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration gesehen werden kann.

Die Teilnahme an Qualifizierungsmaßnahmen ist derzeit der häufigste Grund, warum die Geflüchteten seltener als die anderen Zugänge eine Stelle suchen. Wenn gesucht wird, dann werden häufiger Netzwerke als formale Suchkanäle genutzt. Hinsichtlich der Konzessionsbereitschaft bei der Aufnahme einer neuen Arbeitsstelle zeigt sich bei den Geflüchteten eine höhere Akzeptanz bezüglich eines langen Arbeitsweges oder eines Wohnortwechsels, jedoch eine geringere Bereitschaft, Belastungen am Arbeitsplatz – etwa Lärm, Schmutz und körperliche Anstrengung – zu akzeptieren. (...)"

Die Analysen in vollem Umfang lesen Sie über aufgeführtem Link.

Quelle:
IAB

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