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30.11. 2015

Inklusion

Gelingt so die inklusive Schule: Das Rügener Inklusionsmodell

Im Zeitraum 2010 bis 2014 fand auf der Insel Rügen ein Modellversuch zur Entwicklung und Erprobung eines inklusiven Förderkonzepts für Schülerinnen und Schüler mit einem besonderen Förderbedarf in den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache und emotional-soziale Entwicklung statt. Bisherige Beschulungsformen wie Diagnoseförderklassen (DFK), Sprachheilgrundschulklassen und Lese-Rechtschreibklassen bzw. Leseintensivmaßnahmen oder Förderschulklassen wurden nicht mehr eingerichtet, stattdessen wurde versucht, alle Kinder mit besonderen Förderbedarfen in der jeweils wohnortnahen Grundschule angemessen zu fördern. Das dabei auf Rügen erprobte Konzept basiert auf dem US-amerikanischen Response to Intervention-Ansatz, der die Elemente Mehrebenenprävention, evidenzbasierte und datengeleitete Praxis miteinander verbindet. Dieser Ansatz gilt international als wissenschaftlich bewährt. Das Rügener Inklusionsmodell (RIM) bzw. das Praxisprojekt Präventive und integrative Schule auf Rügen (PISaR) ist der erste flächendeckende Versuch der Nutzung des RTI-Ansatzes in Deutschland.
"Die Arbeit auf Rügen wurde mithilfe mehrerer Teilstudien untersucht. Hierbei ging es um die Schulleistungsentwicklung sowie sprachliche und emotional-soziale Entwicklung der Rügener Kinder des Projektjahrgangs im Vergleich zu einer Stralsunder Kontrollgruppe, die nach dem bisherigen Unterrichts- und Förderkonzept in Mecklenburg-Vorpommern unterrichtet wurde.

Auszüge aus dem Evaluationsbericht der Universität Rostock des Modell-Projekts Rügener Inklusionsmodell und Integrative Schule auf Rügen:
" (...) Die Analysen zu den Untersuchungsgesamtgruppen Rügen und Stralsund zum Ende (...) belegen fast durchgängig durchschnittliche Werte hinsichtlich der schulischen Leistungen sowie der emotional-sozialen Entwicklung beider Untersuchungsgruppen. Während im Leistungsbereich keine signifikanten Unterschiede vorliegen, sind in den Bereich Verhalten (Problem- sowie prosoziales Verhalten) sowie emotional-soziales Erleben von Schule auf sieben von neun Skalen signifikant bessere Werte der Rügener Gruppe zu verzeichnen (z. B. Gefühl des Angenommenseins). (...)

Zum Ende der vierten Klasse erreichen etwa 89% der Kinder Rügens die von der KMK (2004) geforderten Mindeststandards der Grundschulmathematik. Für Stralsund fällt dieser Anteil mit 82% signifikant niedriger aus. Im Bereich Lesen und Rechtschreiben streuen die gemittelten Leistungen der Schulklassen beider Regionen ebenfalls recht stark. Während die Werte beider Regionen im Lesen mehrheitlich oberhalb der Bundesnormen liegen, ist im Bereich des Rechtschreibens (...) ein Trend zu eher leistungsschwachen Klassen zu erkennen. (...)

Ergebnisse im Förderschwerpunkt Lernen
Vergleicht man die Stralsunder Schülerinnen und Schüler nach vier Schulbesuchjahren mit Rügener Kindern mit gleichen kognitiven Voraussetzungen nach vier Schulbesuchjahren (...), so zeigen die Rügener Schülerinnen und Schüler signifikant bessere Leistungen in Mathematik, im Lesen und in der Rechtschreibung. (...) In Mathematik beruhen die besseren Werte der Rügener Gruppe auf einem deutlich besseren Vorwissen zum Zeitpunkt der Einschulung. Die emotional-soziale Situation der beiden Kindergruppen nach vier Schulbesuchsjahren unterscheidet sich in den Skalen Klassenklima, Selbstkonzept, Soziale Integration, Gefühl des Angenommenseins, Anstrengungsbereitschaft, Schuleinstellung sowie Lernfreude nicht. (...) Es zeigt sich, dass die Rügener Kinder selbst unter Kontrolle des Einflusses des Vorwissens bereits nach drei Schuljahren den Leistungsstandard der (...) Stralsunder (...) nach vier Schulbesuchsjahren erreicht haben. (...)

Ergebnisse im Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung
Hinsichtlich der Gesamtzwillingsgruppen zeigen sich zwischen beiden Regionen signifikante Unterschiede in der Lehrereinschätzung der emotional-sozialen Entwicklung (SDQ). Der Gesamtproblemwert auf Rügen fällt bei einer geringen Effektstärke niedriger aus als in Stralsund, das prosoziale Verhalten ist auf Rügen signifikant besser ausgeprägt als in Stralsung. Die von den Schülerinnen und Schülern selbst eingeschätzten sozialen und emotionalen Schulerfahrungen (...) liegen im Mittel in beiden Gruppen innerhalb der Norm und unterscheiden sich in drei von sieben Skalen signifikant voneinander. Die Rügener Kinder schätzen demnach das soziale Klima in ihrer Klasse positiver ein, fühlen sich sozial integrierter und haben auch ein höheres Selbstkonzept von ihrer eigenen Schulfähigkeit als die Stralsunder Kinder. (...) Für die analysierten Zwillingsgruppen mit Risiken in der emotional-sozialen Entwicklung (...) ergibt sich erwartungskonform ein etwas ungünstigeres Bild in beiden Gruppen, wobei keine signifikanten Unterschiede auftreten. Der gemittelte Gesamtproblemwert des SDQ ist für beide Gruppen als grenzwertig einzuordnen, das prosoziale Verhalten ist in beiden Gruppen aber dennoch normal ausgeprägt. (...) Im Hinblick auf die Lernfreude sowie auf die Anstrengungsbereitschaft sind die Mittelwerte der Stralsunder und der Rügener Kinder als unterdurchschnittlich einzuordnen. Das Selbstkonzept der Schulfähigkeit dieser Kinder fällt auf Rügen durchschnittlich aus, in Stralsund unterdurchschnittlich. Angaben zur Schuleinstellung liegen in beiden Kindergruppen im unteren Durchschnittsbereich. Die schulischen Leistungen dieser Kinder beider Regionen am Ende der vierten Klasse sind im Bereich Rechtschreiben als ungünstig, im Bereich Mathematik als eher ungünstig und im Lesen als eher unauffällig zu bewerten, wobei die Rügener Kinder etwas besser als die Stralsunder abschneiden. (...)

Zusammenfassung der Befunde zu Prävalenzen und Komorbiditäten
Die Quote der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich emotional-soziale Entwicklung auf Rügen (Kohortenprävalenz 2.7%) liegt signifikant unterhalb der Quote der Region Stralsund (Kohortenprävalenz 8.3%). Diese deutliche Differenz trägt entscheidend zu signifikanten Unterschieden der Gesamtquoten der sonderpädagogischen Förderbedarfe der Bereich Lernen, emotional-soziale Entwicklung und Sprache (Kohortenprävalenz rügen 3.7% vs. Stralsund 11.4%) sowie der Gesamtförderbedarfe (...) bei (...). Auffällig ist, dass isolierte Problematiken bei den Kindern sehr selten vorkommen, sondern eher komplexe Förderbedarf. Eine bereichsübergreifende Förderung ist in der Mehrheit der untersuchten Fälle angezeigt. (...)"

Den vollständigen Evaluationsbericht entnehmen Sie dem Anhang.

Quelle:
Rügener Inklusionsmodell; Projektbüro inklusiver Unterricht
Dokumente:

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