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10.12. 2012

Inklusion und Bildung

Schule vielfältig und inklusiv gestalten

DRK legt Expertise zur Qualitätsentwicklung in der Schule vor: Mit der Ratifizierung und Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention erfährt der Diskurs um das Recht von Kindern und Jugendlichen auf einen gleichberechtigten Schulbesuch an Aktualität. Eine inklusive Schule ist daher in erster Linie eine Schule, die Zugangsbarrieren abbaut, Diskriminierung und Benachteiligungen entgegenwirkt und Teilhabe und Partizipation für alle Kinder und Jugendlichen ermöglicht. Inklusiv sein heißt, Vielfalt wertzuschätzen und Barrieren in der Umsetzung des Rechtes auf Bildung abzubauen und damit Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen zu realisieren. Damit Schülerinnen und Schüler partizipativ und teilhabend ihr Leben nach der Schule selbständig und selbst bestimmt gestalten, muss es darum gehen, ein inklusives Bildungssystem zu etablieren, in dem das lebenslange Lernen eine Selbstverständlichkeit ist. Das Deutsche Rote Kreuz formuliert mit der Expertise Grundlinien, Grundsätze und Rahmenbedingungen für eine inklusive Schule.
Auszüge aus der Expertise des DRK "Schule vielfältig und inklusiv gestalten" von Tina Alicke vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik:
" Ausgangslage
Lebenslagen, Einstellungen sowie familiäre und individuelle Ressourcen finden in jeder, besonders aber in einer hochdifferenzierten Gesellschaft wie der unseren, vielfältige Ausprägungen. Diese Differenzierung der gesellschaftlichen Facetten spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Ausgangsbedingungen von Kindern und Jugendlichen, die sich wiederum auf die Teilhabechancen an verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen auswirken. ...

Es stellt sich daher die Frage, wie eine Bildung gestaltet werden kann, welche die Heterogenität der Gesellschaft aufnimmt, die Vielfalt von Schülerinnen und Schülern positiv umsetzt und eine gleichberechtigte Bildung für alle ermöglicht.

Trotz zahlreicher guter Ansätze stellen sich verschiedene Herausforderungen für die Kooperation zwischen Jugendsozialarbeit und Schule. So erschweren z.B. der unterschiedliche Gebrauch der Terminologie sowie differierende Konzepte und Ansätze die Verständigung zwischen Systemen, Projekten, Akteuren und Professionen. Auch bestehen noch Lücken in den Überlegungen, wie eine gemeinsame Förderung einer an Vielfalt orientierten Bildung ausgestaltet sein kann.

...

Es kann nicht das Ziel sein, dass der Einzelne danach strebt, im Ausbau seiner unterschiedlichen und auch informellen Kompetenzen eine gemeinsame Messlatte zu erreichen. Vielmehr ist es notwendig, dass sich das Individuum im Rahmen seiner Fähigkeiten und Neigungen entwickeln kann.

Ziel des Prozesses ist ... nicht mehr ein Zustand der Anpassung, in der Personen und Gruppen dazu befähigt werden, sich in bestehende Strukturen und Normvorstellungen einzufügen, sondern die soziale Inklusion. Soziale Inklusion bedeutet, dass Strukturen so beschaffen sind, dass Vielfalt als Normalität anerkannt und als Ressource gewürdigt ist, so dass sich jeder innerhalb seiner Ausgangsbedingungen in die Gesellschaft einbringen kann.

...

„Bildung“ beinhaltet demzufolge „die Entwicklung und Entfaltung derjenigen Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen:
  • zu lernen
  • Leistungspotenziale zu entwickeln
  • zu handeln
  • Probleme zu lösen und
  • Beziehungen zu gestalten“

Vor diesem erweiterten Bildungsbegriff ist Lernen nicht mehr Sache des Einzelnen, sondern es besteht die Notwendigkeit umfassender und gegenseitiger Lernprozesse auf allen Ebenen. Lernen kann demzufolge als
  • Aufnahme, Verarbeitung, Speicherung und Entwicklung von Erfahrungen
  • Potenzialentwicklung
  • Vermittlung von Wissen und Aneignung von Kompetenzen begriffen werden

Damit einher geht eine grundlegende Restrukturierung eines Leistungsverständnisses, von Schule und Unterricht, Lehrplänen, Lernzielen, Curricula und der Diskussion um „Standards“ in der Bildung. Damit wird eine „Bildung für Vielfalt“ nicht nur zum Lernprozess von Schülerinnen und Schülern, sondern für alle beteiligten Individuen (Lehr-, Fach- und Führungskräfte, Eltern), Gruppen (Klassen, Lehrerschaft etc.), den Bildungsbereich und das gesellschaftliche Gesamtsystem.

Auch die Zielvorstellungen eines gelingenden Umgangs mit Vielfalt sind im Wandel begriffen: Während derzeit noch vorrangig schulbegleitende Unterstützungsmaßnahmen zur Förderung meist einzelner Gruppen im Vordergrund stehen, sollten langfristige Überlegungen darauf ausgerichtet sein, die Rahmenbedingungen von Schule so zu gestalten, dass Diversität als Normalzustand begriffen und die Vielfalt als Ressource genutzt wird. ...

Gerade die Jugendsozialarbeit ist ein zentraler Partner in diesem Prozess des Wandels in der Bildungslandschaft: Aus dem grundlegenden Auftrag von sozialer Arbeit, die negativen Auswirkungen von gesellschaftlichen Differenzierungsprozessen auszugleichen ergibt sich die Möglichkeit, einen inklusiven Umgang mit Vielfalt an Schulen zu verankern. Allerdings ist dafür auch für die Jugendsozialarbeit ein Umdenken notwendig. Während aufgrund der Fokussierung auf benachteiligte Jugendliche derzeit in erster Linie schulbegleitende und zielgruppenspezifische Angebote vielerorts in Vordergrund stehen, ist zu bedenken, wie ein struktureller Umbau erfolgen kann, der in Weiterentwicklung der integrativen Konzepte soziale Inklusion und damit „Bildung für alle“ ermöglicht. Auch die Jugendsozialarbeit ist dabei auf einen weiteren Ausbau von Kooperation und Netzwerkarbeit angewiesen. Dies beinhaltet nicht nur die Zusammenarbeit mit den Schulen, sondern auch eine Verankerung sozialinklusiver Konzepte im Selbstverständnis der Träger.

Anregungen für die Jugendsozialarbeit
Damit Jugendsozialarbeit ein Partner in diesem Prozess sein kann, ist auch für viele Verbände und Träger der Jugendhilfe und besonders der Jugendsozialarbeit ein Überdenken der bestehenden Strukturen erforderlich. Diese kann in mehreren Schritten erfolgen:

• Insgesamt wird eine Positionsbestimmung innerhalb des eigenen Verbands und der Träger als sinnvoll erachtet. Drei Ebenen sind Bestandteil der Positionsbestimmung:
  • die Formulierung von Begriffen und Prinzipien auf Verbands- und Trägerebene,
  • die Integration in die Leitlinien von Verbänden und Trägern,
  • die Bestandsaufnahme bestehender Normen und Praktiken sowie deren Reflexion

• Auf Basis dieser Positionsbestimmung kann eine Entwicklung von inklusiven Strukturen auf Verbands- und Trägerebene erfolgen, z.B. durch:
  • die Überprüfung der bestehenden Strukturen, besonders in Hinblick auf die Zielgruppenorientierung
  • die Bearbeitung der anstehenden Veränderungen in ressort- und fachbereichsübergreifenden Arbeitsgruppen
  • die Umsetzung von Inklusion als Querschnittsaufgabe und ggfs. die Rejustierung bestehender Strukturen

• Vor diesem Hintergrund kann eine Erarbeitung inklusiver Konzepte erfolgen, z.B. durch
  • Etablierung partizipativer Strukturen, innerhalb derer die Konzepte unter Beteiligung aller betroffenen Akteure erarbeitet werden,
  • Schaffen von inklusiven Angebotsstrukturen, die dazu dienen, das Konzept inklusiver Schule in die Praxis umzusetzen,
  • die Anpassung von Unterstützungsstrukturen von Kindern und Jugendlichen an die Erfordernisse der Prinzipien der Inklusion.

• Um diese Konzepte in die Praxis umzusetzen, ist eine kontinuierliche Unterstützung der Fachkräfte der Jugendsozialarbeit notwendig, z.B. durch
  • kontinuierliche Fort- und Weiterbildungsangebote für Fach- und Führungskräfte
  • Supervision und Rückhalt bei der Definition neuer Rollen und Arbeitsteilungen sowie
  • das Bereitstellen personeller sowie zeit- und sachlicher Ressourcen.
  • Vernetzung und Kooperation

• Ebenso ist es Aufgabe der Sozialen Arbeit, die gesellschaftliche Bewusstseinsbildung voranzutreiben. Dies kann z.B. geschehen durch
  • Vernetzung und Kooperation mit allen Akteuren im Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen,
  • das Erstellen von barrierefreiem Informationsmaterial, auch in den Internetauftritten,
  • die weitere Sensibilisierung von Politik, Verwaltung,Wirtschaft und weiteren Akteuren für die Erfordernisse inklusiver Schule."

Die Expertise in vollem Textumfang entnehmen Sie bitte dem Anhang.

Quelle:
DKR Generalsekretariat
Dokumente:

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