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10.07. 2017

Bildung

Vielfalt im Klassenzimmer - ungleicher Bildungserfolg

Nach wie vor haben vor allem Schülerinnen und Schüler mit einem türkischen oder arabischen Migrationshintergrund geringere Bildungschancen als Kinder ohne Migrationshintergrund. Eine groß angelegte Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität zu Berlin und des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR-Forschungsbereich) untersucht die Bedeutung von Einstellungen und Erwartungen von Lehrkräften für migrationsbezogene Ungleichheiten im Bildungssystem und zeigt Strategien auf, mit denen die Leistungen von benachteiligten Schülerinnen und Schülern gezielt gefördert werden können. Die Ergebnisse zeigen, dass Lehrkräfte zu bestimmten Aspekten von Vielfalt liberaler eingestellt sind als die übrige Gesamtbevölkerung. Trotzdem bestehen weiterhin Vorbehalte gegenüber Personen mit muslimischem Hintergrund. Belegt wird durch die Studie, dass nicht nur die soziale, sondern auch die ethnische, kulturelle und religiöse Herkunft bei der Verwirklichung von Bildungschancen in deutschen Klassenzimmern eine Rolle spielen.
In drei Teilprojekten wurde vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung und vom SVR-Forschungsbereich untersucht, inwiefern Leistungserwartungen von Lehrkräften den Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund beeinflussen und wie negativen Effekten entgegengesteuert werden kann. Auszüge aus den zentralen Erkenntnissen der Studie "Vielfalt im Klassenzimmer - Wie Lehrkräfte gute Leistung fördern können":
" (...) Studienmodul A
(...) Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Lehrkräfte im Durchschnitt tendenziell eine liberalere Haltung zu den Themen Zugehörigkeit und Religionspolitik haben als die übrige Bevölkerung und dass sie negativen Pauschalisierungen von Muslimen seltener zustimmen. Dennoch äußern einige von ihnen auch negative Urteile: Von den Lehrkräften, die zum Zeitpunkt der Befragung berufstätig waren, halten immerhin 15 Prozent Muslime für aggressiv (...). Und nur 61 Prozent aller befragten Lehrkräfte meinen, dass Muslime genauso bildungsorientiert sind wie Nichtmuslime; obwohl hohe Bildungsaspirationen z. B. in türkeistämmigen Familien wissenschaftlich belegt sind. Zudem schätzen viele Lehrkräfte ihr Wissen über Muslime als gering ein.

Studienmodul B
(...) Die Ergebnisse zeigen, dass Lehrkräfte für türkeistämmige Kinder im Schnitt etwas geringere Leistungen erwarten als für Kinder ohne Migrationshintergrund, selbst wenn sie über die gleichen Fähigkeiten verfügen. Die Studie weist zudem auf eine selbsterfüllende Prophezeiung hin: Wenn Lehrkräfte zu Beginn des ersten Schuljahrs die Leistungen der Kinder überschätzen, lernen diese im Verlauf des Schuljahrs tatsächlich mehr dazu und umgekehrt. Die Auswertungen geben zudem erste Hinweise darauf, wie dieser Effekt konkret entsteht: Lehrkräfte rufen türkeistämmige Kinder im Unterricht etwas seltener auf als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, und sie beschäftigen sich weniger lange mit ihnen. Insgesamt betrachtet schätzen Lehrkräfte die Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler jedoch recht zutreffend ein, und die Effekte verzerrter Erwartungen sind klein. Eine weitere Quelle für Leistungsunterschiede ist, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund negative Stereotype auch selbst verinnerlichen. Deswegen trauen sie sich seltener gute Leistungen zu, sind eher gestresst und geben schneller auf. Dies kann dazu führen, dass sie auch tatsächlich schlechtere Leistungen erbringen. Mit sog. Selbstbestätigungsinterventionen kann dem allerdings entgegengewirkt werden.

In Studienmodul C
(...) Die Ergebnisse zeigen: Wenn türkei- und arabischstämmige Schülerinnen und Schüler sich mit Themen auseinandersetzen, die für sie selbst wichtig sind, schneiden sie unmittelbar danach in einem Mathematiktest besser ab als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, die das nicht getan haben. Diese Wirkung ist selbst acht Wochen später noch festzustellen. Lehrkräfte können solche Selbstbestätigungsinterventionen gezielt einsetzen, um die Wirkung abzuschwächen, die verinnerlichte Stereotype auf die Schulleistung der Schülerinnen und Schüler haben. Um Benachteiligungen durch negative Stereotype und Erwartungen zu vermeiden, ist es allerdings zentral, dass Lehrkräfte ihre eigenen Erwartungen reflektieren. Zudem ist es nicht nur Aufgabe einzelner Lehrkräfte, Benachteiligung im Klassenzimmer abzubauen. Zu einem konstruktiven Umgang mit Vielfalt, der allen Schülerinnen und Schülern gute Entwicklungschancen ermöglicht, müssen alle Akteure im Bildungssystem beitragen. Dies schließt neben den Schulleitungen die Unterstützungssysteme, wie Institutionen der Lehrerbildung, aber auch die Schulbuchverlage ein. (...)"

Quelle:
Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen für Integration und Migration

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